Dem Selbsthass ein Gesicht geben

Sich selbst zu hassen – das ist ein absolutes Tabuthema. Oder wer spricht gern darüber, dass er sich selbst nicht gern im Spiegel ansieht und sich schon durch kleinste Makel ins Extreme selbst verurteilt? Nicht viele. Stattdessen überdecken wir unsere Unperfektion mit Masken und Selbstlügen. Und wundern uns, warum wir uns ständig einsam und falsch fühlen. Dabei sind wir es, die nicht ehrlich sind. Weder uns selbst gegenüber, noch anderen. Wir wollen nicht verwundbar oder angreifbar sein, da uns die Vergangenheit ständig gruselige Geschichten auftischt.

Wir müssen loslassen

Ja, wir alle wurden enttäuscht und verletzt. Uns allen wurde das Herz gebrochen. Vermutlich mehr als einmal. Das ist ätzend und lässt sich selten schönreden. Darum geht es nicht, da es (leider) ein wichtiger Teil unserer menschlichen Erfahrung ist. Wir haben uns dummerweise ein Paradigma erschaffen, in dem Leid nahezu löblich und eng verbunden mit dem Empfang von Liebe ist. Traurig, aber wahr. Doch ohne würden wir vielleicht nicht freiwillig über uns hinauswachsen. Nicht wahr? Ohne würde es so viele wertvolle Lieder und andere Kunstwerke einfach nicht geben.

Wir suhlen uns so gern in unseren Problemen und in vergangenen Geschichten, die längst hätten in den Keller verbannt werden sollen. Wir holen sie immer und immer wieder hervor.

Unvergebener Groll wütet wie ein Tornado in uns, zerstört uns auf einer unsichtbaren Ebene

„Aber damals, vor 20 Jahren, da hat er mir so richtig eins reingewürgt. Ich kann ihm das niemals verzeihen.“

Ja, ich verstehe dich. Sehr gut sogar. Ich weiß, wie toxisch solche Gedanken sein können und dass es Tage gibt, an denen sie viel zu machtvoll erscheinen. Und manchmal entspringen sie sogar tief verankerten Mustern in unserem Nervensystem, das sich womöglich nur dann sicher fühlt, wenn es Schmerz erfährt.

Wer bereits in sehr jungen Jahren im Stich gelassen und körperlich/emotional verletzt wurde, dem kann es durchaus passieren, dass diese Wunden und dieser Schmerz erst im Alter von 40 an die Oberfläche kommen. Und dann folgt Selbsthass. Man versteht sich selbst nicht mehr.

„Ich wünsche mir die Liebe, aber ich schaffe es nicht. Ich hasse mich einfach und will mir wehtun.“

Mit solchen Gedanken bist du nicht allein und ich kann sie so gut nachvollziehen. Ich hab mich den Großteil meines Lebens nicht geliebt und kann gar nicht sagen, warum das so war. Und es braucht auch nicht zwingend eine Erklärung dafür, die einzig und allein der Verstand sucht, nicht das Herz.

Typische Anzeichen für unterdrückten Selbsthass

  • Du tust unbewusst vieles, um dich selbst zu bestrafen oder zu verletzen: Hungern, Extremsport, keine Pausen, Arbeiten bis zum Umfallen, wenig bis keine sinnlose/freie Zeit
  • Wenig Investition in das körperliche Wohlbefinden, wie Massagen, Sauna und dergleichen
  • Diverse körperliche Symptome, die sich nicht greifen lassen
  • Unerklärliche Wut
  • Du setzt nicht um, was du dir vorgenommen hast
  • Dir fällt es schwer, Strukturen zu folgen und verlierst dich im Chaos
  • Deine Wohnung/dein Haus sind nie fertig eingerichtet, es ist kein Wohlfühlzuhause
  • Du kaufst keine hochwertigen Lebensmittel
  • Du rauchst und trinkst zuviel Alkohol
  • Du schläfst zu wenig und sabotierst deinen Schlaf (zu spät essen, kein bewusstes Abschließen des Tages, zuviel Blaulicht am Abend, keine Erholung am Tage, zu wenig frische Luft/Bewegung)

Man setzt seine Bedürfnisse nicht an erste Stelle, sondern kümmert sich erst um Familie, Freunde, Fans und die Arbeit. Erst, wenn dann noch Zeit ist, wird vielleicht etwas für die eigene Seele getan.

Was mir hier wichtig ist zu sagen: All die oben aufgeführten Anzeichen KÖNNEN Symptome für unterdrückten Selbsthass sein, aber man muss immer genauer hinschauen, was wirklich dahintersteckt. Ich spreche hier nur von meinen eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen in meiner Arbeit mit Menschen.

Dir fällt es schwer, anzunehmen und zu empfangen. Dieser Zugang scheint blockiert zu sein, denn Gutes und Schönes, ja sogar die Liebe passen nicht in das eigene, fest verankerte Selbstbild. Du wirst misstrauisch, stellst alles ständig infrage, selbst wenn das Herz anderer Meinung ist. Und dann entsteht Sodbrennen oder Ähnliches in der Magengegend, da sich dort das Spannungsfeld zwischen Kopf und Herz befindet. Lies hier auch gern meinen anderen Blogartikel.

Wie geht eigentlich Selbstliebe?

Was mir in solchen Momenten hilft

Weinen, bis der Schmerz raus ist, und den Selbsthass fragen, warum er so penetrant ist. Manchmal stelle ich mir eine Figur hin, die diesen repräsentiert, und spreche mit ihr, mache ihr sogar Vorwürfe. Habe ich keine zur Hand, nehme ich meine Faust und lasse all diese Energie dort hineinfließen. Und dann starte ich ein Gespräch, lasse Antworten kommen. Diese könnten wie folgt lauten:

„Ich will dich verteidigen. Dir wurde so viel Schmerz zugefügt, und das lasse ich nicht mehr zu. Ich will Rache. Ich will, dass Menschen ebenfalls so leiden wie du.“

Ich antworte: „Das ist lieb von dir und ich verstehe es. Aber du merkst schon, dass das nicht funktioniert? Am Ende zerstören wir uns damit selbst. Es bringt also nicht viel.“

„Ja, da hast du eigentlich recht.“

Gut möglich, dass du spürst, wie die Energie langsam weicher wird. Wenn dem so ist, legst du die Figur oder deine Faust auf dein Herz, akzeptierst sie, weil der Selbsthass nun mal zu dir gehört. Er will, wie alles in dir, nur dein Bestes. Nur ist er eben manchmal blind und benötigt deine Fürsorge. Er braucht dein erwachsenes Ich, dass dieses ängstliche Kind liebevoll an die Hand nimmt. Probiere es gern mal aus. Für mich ist das unfassbar hilfreich.

Danach könntest du beschließen, all diese Geschichten, die dir nicht wirklich dienen, hinter dir zu lassen

Du sagst vielleicht so etwas:

„Ich entscheide mich jetzt dazu, neu anzufangen. Ich schaue nach vorn und verspreche mir selbst, Liebe zu empfangen und zu leben. Denn ich habe es verdient.“

Manchmal hilft das bereits. Manchmal benötigt es intensivere Arbeit. Es kommt drauf an, wo du stehst. Vor sieben Jahren hätte ich bei dieser Technik vermutlich nur den Kopf geschüttelt. Aber heute weiß ich, dass sie mir Eigenmacht schenkt und ich selbst in den dunkelsten Momenten das Licht sehen kann. Ich kann mir selbst aus dem Loch heraushelfen und das ist unbezahlbar.

Übrigens glaube ich, dass, wenn wir unseren Selbsthass anerkennen und offen darüber sprechen, die Welt zu einem besseren Ort wird. Entstehen nicht Kriege und Gewalttaten aus Hass? Aus unterdrückten Rachegefühlen? Ich denke schon. Wer sich selbst liebt, verspürt gar nicht das Bedürfnis, andere zu zerbomben oder mit fremden Leben zu spielen. Man will die Macht zurück. Man will Kontrolle. Und damit lebt man das Gegenteil von Liebe.

Du entscheidest jeden Tag neu, was du leben willst und was nicht. Aber sei ehrlich zu dir. Das ist die schönste Form von Rebellion, die es gibt.

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Wir lesen uns,

Claudia

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