Das ist nicht nur Musik, das ist pure Verbindung

Neben mir stand ein junger Mann, emotional zurückhaltend, sein Nacken buckelig, übergewichtig. Er strahlte eine unheimliche Schwere aus, als würde er die Last der Welt auf seinen Schultern tragen, zusätzlich zu seinem eigenen Ballast. Sein Körper signalisierte mir es glasklar. Früher hätte ich ihn verurteilt, um von meinen eigenen scheinbaren Unzulänglichkeiten abzulenken. Doch nicht an diesem Abend, an dem wir beiden inmitten von Gleichgesinnten standen: bei den Onkelz im Frankfurter Waldstadion. Man mag von den Fans halten, was man will. Doch was sie beherrschen, sind Leidenschaft, Zusammenhalt und Verbindung. 

Ich habe es nirgends sonst erlebt, dass nahezu jeder die Zeilen mitsingt. Das gibt es eben nur bei dieser Band, und die Energie, die an diesem Abend mitschwang, bewies wieder einmal, wie sehr jeder Einzelne nach dieser Live-Atmosphäre und echter Verbindung verlangte. Mehr denn je wollen wir uns fühlen und uns mit Menschen connecten, die uns verstehen und uns hinter der Maske, die wir uns aus verschiedenen Gründen aufgesetzt haben, sehen. So auch dieser junge Mann, der immer noch leicht paralysiert wirkte. 

Seine Kumpels (?) haben ein paar Mal versucht, ihn mit in die tanzenden Pogokreise zu ziehen, die direkt neben mir tobten, doch er blieb unberührt, wirkte beinahe wie eine erstarrte Salzsäule. Zumindest im Außen.

Ich vermute, dass unter der ruhigen Oberfläche ein Tornado wütete, denn so ist das meistens, wenn jemand so unnahbar wirkt.

Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Er hielt seinen Blick stur auf die Bandmitglieder gerichtet, die gnadenlos die Bühne rockten und alles gaben. Das Drumherum interessierte ihn herzlich wenig. Warum auch? Ihm ging es um die Musik, um die Menschen, die sie ins Leben gerufen haben. So war es bei mir früher auch. Denn sie hat mich abgeholt, mich lebendig fühlen lassen. Vor allem in Zeiten, in denen ich an allem gezweifelt habe und die gesellschaftlichen Anforderungen Tag für Tag an mir zerrten. Und das kam nicht gerade selten vor. Diese Band hat mir gezeigt, dass es da draußen noch mehr gibt, als ich damals ahnte.

Da existierten eben doch Menschen, die mich verstanden und mir den Weg wiesen.

Damals habe ich nicht die Bedeutung hinter all den Texten verstanden, weil ich gar nicht dazu bereit war. Viel zu sehr dominierten die Wände um mein Herz, die kaum etwas durchsickern ließen – außer eben diese harten Gitarrenriffs. Diese intensiven Frequenzen. Ruhige Songs? No way. Berührten mich nicht. Es musste ordentlich Krach machen, denn nur der drang zu mir durch.

Dabei sehnte sich mein Herz einfach nach Liebe und Nähe.

„Ich wollte die leere Hülle, die ich seit der 8. Klasse war, mit Leben füllen. Mit MIR, meiner Einzigartigkeit und meiner doch so wunderschönen Seele.“Wir mit tausend Zeichen

Vielleicht habe ich auch deshalb ständig künstliches Drama heraufbeschworen, weil ich nur so etwas fühlen konnte. Weil nur so das Leben greifbar erschien. Für meine Beziehung war das natürlich nicht gerade förderlich, aber ich wusste es nicht besser.

Böhse Onkelz Frankfurt

Heute ist es anders. Ich habe dazugelernt, mich ehrlich hinterfragt und meinen Horizont erweitert.

Am Samstag hab ich persönlich nur wenig auf die Band geachtet. Diese beeindruckenden Künstler nicht mehr auf ein Podest gestellt, sondern mich umgeschaut. Gesehen und gespürt, welche unfassbare Kraft diese Masse an Fans erzeugen kann. Wie sie das Stadion zum Vibrieren bringen konnten. Es war der pure Wahnsinn. Menschen sind aus sich herausgegangen, in den Pogokreis mit eingestiegen und haben einfach gefeiert. 

Ich sah Tränen, geschlossene Augen, zahlreiche Hände in der Luft. Und auch Zurückhaltung. Ja, auch das. 

Und vielleicht gingen diese Gedanken auch dem jungen Mann durch den Kopf.

„Darf ich denn jetzt mitsingen?“

„Bin ich hier wirklich sicher?“

„Werde ich hier wirklich gemocht?“ 

„Was, wenn jemand in meine Seele blickt?“

Kurz fragte ich mich, welches verborgene Potenzial wohl in ihm schlummert. Was passieren würde, wenn ihn jemand an die Hand nähme und er wüsste, dass es sicher ist, er selbst zu sein. Wenn er geliebt und gesehen wird. Fernab von Konventionen. 

Wie würde es sein Leben beeinflussen? 

Niemand muss das Opfer vergangener Erfahrungen sein. Es gibt immer einen Ausweg, eine positivere Zukunft.

Und wenn wir uns bewusst machen, dass alles zusammenhängt und sich unsere Schicksale, oder besser gesagt Lebenswege, kreuzen, vielleicht sogar voneinander abhängen, dann tun wir anderen womöglich auch einen Gefallen, wenn wir den Mut finden, uns zu öffnen und zu zeigen.

Wir alle dürfen lernen, mit Verletzungen umzugehen, und unserem Herzen die Chance geben, wieder zu heilen. 

Denn stell dir mal vor: Es gibt tatsächlich Menschen, die eine schwere Krankheit erleiden, nur damit die eigene Familie wieder zusammenfindet. Ist das nicht brutal? Ich finde schon. 

Und das nur, weil wir unser Ego und unseren Stolz nicht überwinden können. Weil wir zu feige sind, unsere Wunden zu zeigen, obwohl eben diese so tiefe Verbindungen schaffen können. Zeigen die Onkelz nicht genau das? Finden sich nicht deshalb so viele Fans in ihren Texten wieder? Ja. Weil jeder von uns Scheiße erlebt hat. Aber wir dürfen uns nicht von ihr bestimmen lassen, weil wir damit anderen Seelen das Glück verwehren.

Und das ist ziemlich egoistisch.

Mehr über die magische Verbindung von Musik findest du auf der Seite der Onkelz:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert